Grillparzerstraße 10: Unterschied zwischen den Versionen

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|Textabschnittstitel=Margaretenbad
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|Textabschnitt=Das Areal des heutigen Freibades gehörte war einst "Zschocks englicher Garten". Um 1900 erwarb ihn der Bauunternehmer Ing. Alexander Zerkowitz und entwarf einen Wohnblock. Zwischen 1910 und 1912 wurden die vier Häuser Grillparzerstraße 4, 6 und 8 erbaut, besonders hervorzuheben ist dabei [[Grillparzerstraße 4]], das als Doppelhaus auch Humboldtstraße 33 umfasst. Zerkowitz baute auch die Häuser Keesgasse  
|Textabschnitt=Das Areal des heutigen Freibades war einst "Zschocks englicher Garten". Um 1900 erwarb ihn der Bauunternehmer Ing. Alexander Zerkowitz und entwarf einen Wohnblock. Zwischen 1910 und 1912 wurden die vier Häuser Grillparzerstraße 4, 6 und 8 erbaut, besonders hervorzuheben ist dabei [[Grillparzerstraße 4]], das als Doppelhaus auch Humboldtstraße 33 umfasst. Zerkowitz baute auch die Häuser Keesgasse  
Da sich nach dem Weltkrieg ein neues Körperbewußtsein entwickelte, erbaute Ing. Zerkowitz ein Freibad - dort, wo der Regulierungsplan die Verlängerung der Wastlergasse vorgesehen hatte. Den noch bis in die 1960er Jahre wirksamen sezessionistischen Entwurf der Anlage mit seiner hölzernen Pergola schuf der aus Ungarn stammende und 1935 nach Israel emigrierte Architekt Ing. Eugen Székely (von ihm stammte auch das 1931/32 erbaute und 1944 zerbombte Arbeitsamt an der Ecke Ghegagasse-Bahnhofgürtel und 1933/34 die Stadtrandsiedlung für Arbeitslose und Kurzarbeiter in der Amselgasse).
Ing. Zerkowitz erlebte die Eröffnung der Anlage am 30. Juni 1928 nicht mehr, er starb schon am 1. Jänner 1927.  Margaretenbad nannte man es zur Erinnerung an das französische Kindermädchen des Sohnes Bruno.
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich ("Anschluss") 1938 wurde das Bad "arisiert", nach der Wiedereröffnung im Sommer war Juden der Zutritt verboten. Brunos nichtjüdische Gattin Anny kämpfte lange um einen halbwegs angemessenen Kaufpreis, und nimmt ihre aus der Wohnung vertriebene Schwiegermutter Jenny bei sich und ihrem Sohn Claus (geboren 1936) in der Wastlergasse auf. Ihren Mann Bruno Zerkowitz ereilte jedoch mit zweien seiner Schwestern das Schicksal von Millionen seiner Glaubensgenossen: er kam zunächst ins KZ Dachau, wurde dann des Landes verwiesen und flüchtete nach Jugoslawien. Als dort 1941 die Deutschen einmarschierten, verschleppte man ihn ins Lager Jasenovac, wo er 1942 "liquidiert" wurde. Als letzte Jüdin von Graz wurde im Oktober 1941 auch die Schwiegermutter, die Witwe von Alexander Zerkowitz in eine Sammelstelle nach Wien gebracht; Ende 1942 geht der Leidensweg der 82jährigen in Theresienstadt zu Ende.


Nach dem Krieg wurde das Bad der Eigentümerfamilie wieder zurückgegeben. Nachdem man es 1959 schließen musste,  
Nach dem Weltkrieg entwickelte sich in ganz Europa ein neues Körperbewußtsein mit dem Wunsch, die Volksgesundheit zu fördern. So erbaute Ing. Zerkowitz ein Freibad - dort, wo der Regulierungsplan die Verlängerung der Wastlergasse vorgesehen hatte (weshalb die Bewilligung nur auf 15 Jahre erteilt wurde). Den noch bis in die 1960er Jahre wirksamen sezessionistischen Entwurf der Anlage mit seiner hölzernen Pergola schuf der aus Ungarn stammende und 1935 nach Israel emigrierte Architekt Ing. Eugen Székely (von ihm stammte auch das 1931/32 erbaute und 1944 zerbombte Arbeitsamt an der Ecke Ghegagasse-Bahnhofgürtel und 1933/34 die Stadtrandsiedlung für Arbeitslose und Kurzarbeiter in der Amselgasse).
 
Ing. Zerkowitz erlebte die Eröffnung der Anlage am 30. Juni 1928 nicht mehr, er starb schon am 1. Jänner 1927, weshalb seine Gattin Jenny oft als Bauherrin und Sohn Bruno Zerkowitz als ausführender Bauunternehmer genannt wird.  Margaretenbad nannte man es zur Erinnerung an das französische Kindermädchen des Sohnes Bruno. Es war das erste moderne Freibad von Graz. Der ungetrübte Badehimmel beginnt sich in den 1930er-Jahren zu verdunkeln. Bereits 1937 kommt es zu einem antisemitisch motivierten Anschlag, bei dem das Kassengebäude beschädigt wird. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland im März 1938 wird das Bad arisiert. Als jüdische Familie haben nun die ihres Bades beraubten ehemaligen Besitzer dort nicht einmal mehr Zutritt.
 
Bruno Zerkowitzs nichtjüdische Gattin Anny kämpfte lange um einen halbwegs angemessenen Kaufpreis, und nimmt ihre aus der Wohnung vertriebene Schwiegermutter Jenny bei sich und ihrem Sohn Claus (geboren 1936) in der Wastlergasse auf. Ihren Mann Bruno Zerkowitz ereilte jedoch mit zweien seiner Schwestern das Schicksal von Millionen seiner Glaubensgenossen: er kam zunächst ins KZ Dachau, wurde dann des Landes verwiesen und flüchtete nach Jugoslawien. Als dort 1941 die Deutschen einmarschierten, verschleppte man ihn ins Lager Jasenovac, wo er 1942 "liquidiert" wurde. Als letzte Jüdin von Graz wurde im Oktober 1941 auch die Schwiegermutter, die Witwe von Alexander Zerkowitz in eine Sammelstelle nach Wien gebracht; Ende 1942 geht der Leidensweg der 82jährigen im Lager Theresienstadt zu Ende.
 
Der Ariseur Otto Bröder nutzt das Bad ausschließlich als Einkommensquelle und tätigt keinerlei Investitionen. Es ist daher schon in schlechtem Zustand, als es von russischen Soldaten zusätzlich verwüstet wird, die ihre Pferde im Becken waschen. Als die überlebenden Mitglieder der Familie Zerkowitz das Bad zurückbekommen, finden sie eine Ruine vor. Anny Zerkowitz, die Witwe des ermordeten Bruno Zerkowitz, lässt sich jedoch davon nicht abschrecken und übernimmt den Betrieb des Bades. Sie veranlasst die notdürftige Behebung der Schäden und im Sommer 1946 öffnet das Margaretenbad erneut seine Tore.
 
15 Jahre lang bleibt das Bad, dessen Betrieb immer schwieriger und unrentabler wird, im Familienbesitz. Claus Zerkowitz werkt an der Kassa und muss oft den Bademeiser ersetzen. Schließlich kann die Familie das Bad nicht mehr halten und übergibt es nach langen Verhandlungen 1961 an die Stadt Graz.


2007 unterschrieben 5000 Bürger für den Erhalt des Bades, ein Jahr später konnte die Initiative das 80-Jahr-Jubiläum mit einer Ausstellung "Bad der Erinnerung" in den Räumen im Obergeschoß des Eingangsbaues feiern, der zum "Grätzltreff" geworden war. Vorträge, u.a. von Herber Lipsky, führten in die Vergangenheit des beliebten Schwimmbads.
2007 unterschrieben 5000 Bürger für den Erhalt des Bades, ein Jahr später konnte die Initiative das 80-Jahr-Jubiläum mit einer Ausstellung "Bad der Erinnerung" in den Räumen im Obergeschoß des Eingangsbaues feiern, der zum "Grätzltreff" geworden war. Vorträge, u.a. von Herber Lipsky, führten in die Vergangenheit des beliebten Schwimmbads.


Hauptquelle: Claudia Zerkowitz-Beiser, Meine jüdische Familie. Ihr Leben in Graz und ihre Auslöschung. Clio, Graz 2021
Nach mehreren Umbauten und Sanierungen sind nur noch wenige Spuren des ursprünglichen Bades erkennbar. Eine kleine halbovale Nische, die für einen Trinkbrunnen im Bereich der Liegewiese vorgesehen war, und die Duschanlagen sind letzte Zeugnisse der Anfangszeit.
 
Quellen: 1) Claudia Zerkowitz-Beiser, Meine jüdische Familie. Ihr Leben in Graz und ihre Auslöschung. Clio, Graz 2021
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|Bildname3=Margaretenbad, Luftbild.JPG
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|Bildbeschreibung3=Bad mit Villa Zschock
|Bildbeschreibung3=Bad mit Villa Zschock

Version vom 11. August 2021, 20:15 Uhr

Österreich » Steiermark » Graz » 8010



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47° 4' 51.92" N, 15° 26' 37.21" E

Margaretenbad

Das Areal des heutigen Freibades war einst "Zschocks englicher Garten". Um 1900 erwarb ihn der Bauunternehmer Ing. Alexander Zerkowitz und entwarf einen Wohnblock. Zwischen 1910 und 1912 wurden die vier Häuser Grillparzerstraße 4, 6 und 8 erbaut, besonders hervorzuheben ist dabei Grillparzerstraße 4, das als Doppelhaus auch Humboldtstraße 33 umfasst. Zerkowitz baute auch die Häuser Keesgasse

Nach dem Weltkrieg entwickelte sich in ganz Europa ein neues Körperbewußtsein mit dem Wunsch, die Volksgesundheit zu fördern. So erbaute Ing. Zerkowitz ein Freibad - dort, wo der Regulierungsplan die Verlängerung der Wastlergasse vorgesehen hatte (weshalb die Bewilligung nur auf 15 Jahre erteilt wurde). Den noch bis in die 1960er Jahre wirksamen sezessionistischen Entwurf der Anlage mit seiner hölzernen Pergola schuf der aus Ungarn stammende und 1935 nach Israel emigrierte Architekt Ing. Eugen Székely (von ihm stammte auch das 1931/32 erbaute und 1944 zerbombte Arbeitsamt an der Ecke Ghegagasse-Bahnhofgürtel und 1933/34 die Stadtrandsiedlung für Arbeitslose und Kurzarbeiter in der Amselgasse).

Ing. Zerkowitz erlebte die Eröffnung der Anlage am 30. Juni 1928 nicht mehr, er starb schon am 1. Jänner 1927, weshalb seine Gattin Jenny oft als Bauherrin und Sohn Bruno Zerkowitz als ausführender Bauunternehmer genannt wird. Margaretenbad nannte man es zur Erinnerung an das französische Kindermädchen des Sohnes Bruno. Es war das erste moderne Freibad von Graz. Der ungetrübte Badehimmel beginnt sich in den 1930er-Jahren zu verdunkeln. Bereits 1937 kommt es zu einem antisemitisch motivierten Anschlag, bei dem das Kassengebäude beschädigt wird. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland im März 1938 wird das Bad arisiert. Als jüdische Familie haben nun die ihres Bades beraubten ehemaligen Besitzer dort nicht einmal mehr Zutritt.

Bruno Zerkowitzs nichtjüdische Gattin Anny kämpfte lange um einen halbwegs angemessenen Kaufpreis, und nimmt ihre aus der Wohnung vertriebene Schwiegermutter Jenny bei sich und ihrem Sohn Claus (geboren 1936) in der Wastlergasse auf. Ihren Mann Bruno Zerkowitz ereilte jedoch mit zweien seiner Schwestern das Schicksal von Millionen seiner Glaubensgenossen: er kam zunächst ins KZ Dachau, wurde dann des Landes verwiesen und flüchtete nach Jugoslawien. Als dort 1941 die Deutschen einmarschierten, verschleppte man ihn ins Lager Jasenovac, wo er 1942 "liquidiert" wurde. Als letzte Jüdin von Graz wurde im Oktober 1941 auch die Schwiegermutter, die Witwe von Alexander Zerkowitz in eine Sammelstelle nach Wien gebracht; Ende 1942 geht der Leidensweg der 82jährigen im Lager Theresienstadt zu Ende.

Der Ariseur Otto Bröder nutzt das Bad ausschließlich als Einkommensquelle und tätigt keinerlei Investitionen. Es ist daher schon in schlechtem Zustand, als es von russischen Soldaten zusätzlich verwüstet wird, die ihre Pferde im Becken waschen. Als die überlebenden Mitglieder der Familie Zerkowitz das Bad zurückbekommen, finden sie eine Ruine vor. Anny Zerkowitz, die Witwe des ermordeten Bruno Zerkowitz, lässt sich jedoch davon nicht abschrecken und übernimmt den Betrieb des Bades. Sie veranlasst die notdürftige Behebung der Schäden und im Sommer 1946 öffnet das Margaretenbad erneut seine Tore.

15 Jahre lang bleibt das Bad, dessen Betrieb immer schwieriger und unrentabler wird, im Familienbesitz. Claus Zerkowitz werkt an der Kassa und muss oft den Bademeiser ersetzen. Schließlich kann die Familie das Bad nicht mehr halten und übergibt es nach langen Verhandlungen 1961 an die Stadt Graz.

2007 unterschrieben 5000 Bürger für den Erhalt des Bades, ein Jahr später konnte die Initiative das 80-Jahr-Jubiläum mit einer Ausstellung "Bad der Erinnerung" in den Räumen im Obergeschoß des Eingangsbaues feiern, der zum "Grätzltreff" geworden war. Vorträge, u.a. von Herber Lipsky, führten in die Vergangenheit des beliebten Schwimmbads.

Nach mehreren Umbauten und Sanierungen sind nur noch wenige Spuren des ursprünglichen Bades erkennbar. Eine kleine halbovale Nische, die für einen Trinkbrunnen im Bereich der Liegewiese vorgesehen war, und die Duschanlagen sind letzte Zeugnisse der Anfangszeit.

Quellen: 1) Claudia Zerkowitz-Beiser, Meine jüdische Familie. Ihr Leben in Graz und ihre Auslöschung. Clio, Graz 2021

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